Weihnachtskalender 2021-2

Kapitel 1:  Welten

 

Beim Verlassen der Maya-Länder – das war im Jahr 1998 – war es, als würde eine ganze Bibliothek mit mir weiterreisen. Ein bestimmtes Wissen, von dem ich damals wenig ahnte, hatte sich geöffnet. Freilich gab es bereits in meiner Kindheit Zeiten, an denen gewissermassen altes Wissen und Weisheit durchschienen, was jedoch fast immer zu abweisenden Reaktionen im näheren und weiteren Umfeld geführt hat. Bis ich es dann zu vergessen begonnen habe. Kinder sind noch auf “andere Welten” eingestimmt, ausser es wird dieser Zugang durch vergangene Erfahrungen und Ereignisse blockiert. Auch die Interaktion mit Ebenen, die den Menschen gefährlich sind, kann eine lange währende Blockade der Zugänge zur schöpferischen Kraft bewirken. Manche spielen mit solchen Dingen leichtsinnig herum, andere tun es, um Macht oder Einfluss zu gewinnen. In unserer sogenannten modernen Welt ist aus diesen und anderen Gründen die Verbundenheit mit anderen Welten, eigentlich mit unserer “Seelenwelt”, fast völlig verschwunden.

Sieben Monate lang hatte ich die mir bis dahin fremd erscheinenden Länder durchquert und es war ein völlig selbstverständlich erscheinendes “Berühren” des Bodens dort, der Steinskulpturen, der riesigen alten Bauten und Städte in den Urwäldern und auf den Hochebenen, der Rituale und Lebensweisen von Menschen, die auf ihre Weise noch an ein altes Wissen anknüpften und in alte Erinnerungen einzutauchen vermochten. Und es war, als würde mir alles wie von selbst präsentiert werden. Der Plan für einen Tag oder für eine mehrtägige kleine Reise wurde mir stets in die Hände gelegt und beim Ankommen war mir klar, dass ich das selber niemals so perfekt planen hätte können. Ich war als Zaungast bei Zeremonien dabei, ohne es beabsichtigt zu haben und genauso bekam ich Einblicke in das alltägliche Leben der Menschen, aber auch in die Welt von ganz entlegen wohnenden Schamanen ebenso wie ein Interview mit der Friedensnobelpreisträgerin, die damals eigentlich im Exil lebte, jedoch für ein paar wenige Tage in ihre Heimat Guatemala zurückkehrte. Diese Art von Synchronizität zeigt sich immer dann, wenn man die Dinge zwar geschehen lässt, sie aber aber auf einer bestimmten Ebene doch ganz bewusst mitgestaltet… Und man weiss dabei mit Sicherheit, wann welche der beiden Haltungen vordergründig ist.

Wie Perlen reihte sich in diesen Wochen und Monaten alles aneinander. Und dann war da dieses Juwel im tropischen Dschungel Süd-Mexikos. Körperlich war es dort für mich unangenehm, aber auf einer bestimmten Ebene kam mir alles sehr vertraut vor und so, als wären hier Spuren zu finden, die mir – das einzige Mal in diesen Monaten – ein Gefühl des persönlichen Beteiligtseins vermittelten. Der heute als der “Tempel der Inschriften” bekannte Komplex in Palenque forderte mich zu einem Aufstieg heraus, der mehr war, als ein blosses Hochsteigen der Pyramidentreppe. Es war wie die Heimkehr in eine Ebene, in der Wissen den Geist erfüllt und ihn ins Unendliche hinein erweitert hat. Der Abstieg im Inneren, hin zum berühmten Grab des Maya-Königs Pakal Votan, legte dann frei, was ansonsten bisher unzugänglich war, nämlich die Welt einer Menschheit, die mehr ist als blosses Sklaventum.

Sowohl dieser Tempel als auch der grosse Königspalast zeigten noch immer ganz deutlich die Zugänge zu einem Bewusstsein, wie es auf einem solchen Planeten wie der Erde möglich wäre – vorausgesetzt, es wird jene Ordnung geachtet, in die alles Leben eingebettet ist. Vorausgesetzt auch, die Völker eines Planeten werden nicht mutwillig davon abgeschnitten. Auf anderen Ebenen mag es leichter fallen, die kosmische Ordnung zu kennen, sie einzuhalten und sich darauf auszurichten. Hier aber und unter den momentanen Gegebenheiten müssen wir es immer wieder neu lernen… und zwar oft unter grössten Widerständen aus allen möglichen Richtungen.

Eine kleine Zeremonie, die ich am Rande dieser Pyramidenstadt und auf der Plattform einer zerfallenen Struktur machte, lockte zahlreiche Menschen an. Sie war von der tiefen Einsicht geprägt, dass hier einst unwiederbringlich etwas zu Ende gegangen war. Doch der Geist dieser Vergangenheit strömte durch den Platz wie der Atem durch unseren Körper.

Die Tage im tiefen Urwald waren gewissermassen der Höhepunkt meiner Arbeiten in den Maya-Ländern und die Vorbereitung auf weitere erstaunliche Erlebnisse. Es war die pure Magie des Augenblicks und des Lebens, die sich dann zeigt, wenn wir absolut eingestimmt sind auf den gegenwärtigen Augenblick … und wenn wir uns lenken lassen von einer Kraft, die weit über unseren persönlichen Ich-Willen hinausgeht. Immer wieder war es dabei notwendig, mich von der ängstlichen Haltung der Umwelt zu lösen – sowohl vorher, als auch während der Reise. “Du kannst doch nicht, weil…” und “ohne Impfungen geht das nicht, denn…” – solche und andere gut-gemeinte Hinweise waren stets zahlreich. Aber ich liess sie bei denen, die diese Ängste hatten und folgte alleine dem, was mein Leben gerade von mir forderte. Ich nahm die Herausforderung an. Das brachte mich freilich an unzählige Grenzen heran oder in Entbehrungen hinein und manchmal auch in Lebensgefahr, wenn man es von der begrenzten physichen Ebene her betrachten würde.

Genau das aber sind die Umstände, die uns unsere eigene Begrenzung übersteigen und uns darüber hinaus-bewegen lassen – einem Ziel entgegen, dem unsere Seelen hier eingewilligt haben, nämlich die menschlichen Begrenzungen, die uns von der Familie, der Gesellschaft, der tief schwingenden Erd-Energie vorgegeben werden, dafür zu nutzen, dass wir sie stetig erweitern und auf diese Weise eine ganz andere Kraft in diese Welt bringen, als sie momentan vorhanden ist. Es ist unsere Aufgabe, die hier vorgefundenen Verhältnisse nach oben zu heben, immer weiter dort hinauf, wo wir herkommen… bis sie schliesslich verwandelt sind und wir eine neue Welt betreten können. An diesem Punkt sind wir nun angelangt und wir spüren deshalb immer mehr eine zunehmende Anspannung und Aufregung – so, wie bei einer jeden Geburt.

Eine Seele kommt in dieses Leben mit dem Wissen, welche Aufgabe sie hat. Befinden wir uns aber in Gesellschaften, die das in keiner Weise beachten, dann kann es lange dauern, bis wir herausfinden, warum wir hier sind. Und die meisten Menschen können es sich nie bewusst machen. Sie werden schlafend geboren, wandeln genauso durch ihr Leben und sterben auch so. Gesellschaften und Völker aber, die heute zu einem Grossteil zerstört und vernichtet worden sind, waren sich sehr wohl bewusst, wozu ein Kind berufen ist, das gerade geboren wird. Und sie haben alles getan, um diese jeweils sehr speziellen Talente und Ausrichtungen nach besten Kräften zu fördern.

Manche werden in eine Welt hineingeboren, die ihnen von Anfang an fremd erscheint. Sie fühlen sich fehl am Platz, bis sie entdecken, dass diese Erfahrung ein Teil ihrer Aufgabe ist. Für mich war Europa immer wie eine grosse Fremde, in die hinein ich ausgesetzt wurde und von der ich keinerlei Inspiration erfuhr. Fremd-sein inmitten eines Landes, einer Gesellschaft, einer Familie … aber lässt aufmerksam und wach bleiben und es schärft alle Instinkte. Es macht hell-hörig und hell-sichtig, während andere nicht den geringsten Verdacht erheben. Vieles schien zwar über Umwege zu laufen, doch war das nur die Suche der Seele nach einem Weg im unwegsamen Gelände, der mitunter bis hin zu einem Absturz führen kann. Aber selbst das ist Teil des Wegbahnens, wenn die Seele uns aus der “Normalität” des Lebens einfach hinauswirft. Sie wird dann nicht mehr lockerlassen, bis wir eingewilligt haben, den Weg zu gehen. Ein Unfall und seine Folgen waren für mich damals ein solches Nadelöhr, durch das ich durchzugehen hatte, um später dann anhand eines Traumes in eine neue Weite geführt zu werden.

Damals, vor mehr als zwanzig Jahren, war bereits ein gewisser Aufbruch zu spüren. Unsere Lebensweise wurde immer mehr in Frage gestellt und wir waren dabei, bald ein ganzes Jahrtausend zu Ende zu bringen. Die verschiedenen Ebenen waren noch fest verschlossen und gewisse Dinge gingen gerade einem Höhepunkt an negativer Entwicklung entgegen – bis hin zu Anschlag in New York, dem sogenannten 911. Heute können wir bereits in eine neue Welt hineinblicken. Gleichzeitig müssen wir uns, wie nie zuvor, mit Dingen auseinandersetzen, die bisher vor uns verborgen waren… und zwar in einem unvorstellbaren Ausmass. Wir werden als Menschheit dabei unseren Blick viele tausende Jahre zurücklenken müssen und erst dann langsam zu verstehen beginnen, wie alles angefangen hat, warum wir immer wieder am Rande des Abgrunds gestanden sind und was dem Planeten während der vergangenen Epoche von etwa 26.000 Jahren geschehen ist.

Die Erfahrungen in den Mayaländern und vor allem der Einblick in die riesigen Zeitepochen, in welche diese Völker ihr Dasein eingebettet sahen – all das und noch vieles mehr floss dann in die Arbeiten der darauf folgenden Jahre ein. Danach aber schloss sich dieser Zeitrahmen, obwohl vieles davon nur als die Oberfläche von etwas erschienen war, das in grossen Tiefen zwar vibrierte, aber bis auf weiteres unberührbar blieb. Seither sind mehr als zwanzig Jahre vergangen und die Welt ist inzwischen eine völlig andere geworden, persönlich wie kollektiv.

Das Buch- und Filmprojekt, welches daraus entstanden war, legte während seines Ankommens in der “realen Welt” eine Bruchlandung hin. Alle Investitionen gingen dabei verloren und erst nach jahrelanger Kleinarbeit war das geliehene Kapital zurückbezahlt. Das langsame Erwachen daraus war zum einen begleitet vom Wissen, dass mein Weg in keiner Weise in und durch die herkömmliche Wirtschaftswelt führen wird und andererseits von der Einsicht, dass grosse Verlage, genauso wie Fernseh- und Radiostationen, im Grunde genommen nichts von der Wahrheit über gewisse Dinge wissen wollen. Vielmehr nehmen Verlage bestimmte Bücher oft nur, um sie von der Öffentlichkeit fern zu halten. Und selbst ein live-Auftritt im Fernsehen kann so gestaltet sein, dass kein Wort von dem, wozu man eingeladen war, gesagt werden kann.

Das Buch “Die Maya” und das Kartenset verkauften sich trotzdem, denn sie profitierten von grossen Auseinandersetzungen, welche in den Fan-Gemeinden gewisser Maya-Gurus ausgebrochen waren. Scheinbar gab es nun plötzlich Dinge zu lesen, von denen sie noch nie gehört hatten. Diese Gurus waren freilich selber noch nie in den Ländern der Maya gewesen. Und ihre Anhänger gaben sowohl hier als auch in Amerika stets die gleichen stereotypen Antworten, wenn ich sie danach fragte, was denn dieses (Guru-) Wissen persönlich für sie bedeute. Persönlich blieb dabei nur meine Frage, denn die Antworten waren so, als wären sie stets gleichbleibend in die Gehirne eingehämmert worden. Ich selbst habe von den Auseinandersetzungen um mein Buch nur wenig mitbekommen, ausser ein paar erbitterter Schriftstücke, die mir zugeschickt wurden. Sie aber blieben im Hintergrund und ich machte weiter. Es war geschrieben, was zu schreiben war.

Schliesslich wurde das Buch noch in mehrere Sprachen übersetzt. Davon erfuhr ich jedoch zumeist erst, wenn ich irgendwann einmal im Internet nach meinem Buch suchte. Geld bekommt man dafür sowieso wenig. Abgesehen von der Tatsache, dass sich Verlage das Recht nehmen, mit den Büchern nach ihrem Willen zu verfahren und, wie es in meinem Fall war, sogar die Bilder, die ein Teil der Komposition waren, bei einer Übersetzung einfach austauschen zu lassen, ohne zu fragen. Ich habe viel dabei gelernt und die späteren Bücher deshalb dann selbst herausgegeben.

Kleinarbeit war es auch, was die Heilung meines Beines nach einem Unfall und vielen Jahren im Rollstuhl betraf. Erst wenige Monate vor der Reise in die Welt der Maya war es mir möglich, mit Krücken zu gehen, wobei es noch bis weit über meine Rückkehr hinaus unmöglich war, das Bein zu belasten. Zwei Krücken und ein Rucksack mit Cameras und Stativ waren deshalb meine Begleiter durch diese sieben Monate, die sich aus einem Traum ergaben – einem, der mein Leben grundsätzlich verändern sollte. Denn weder hatte ich damals eine Ahnung von dieser alten Kultur, noch war mir klar, warum gerade ich in ein solches Abenteuer hineingestellt wurde.

Was nach diesem Maya-Projekt kam, war ein Wandern zwischen den Welten. Vieles war aufzuräumen und der Horizont erweiterte sich dabei bis fast ins Unendliche – wobei immer mehr das Bewusstsein von diesem “Ich weiss, dass ich nichts weiss” entstand, je weiter mein Horizont wurde.

Immer wieder war ich zu Reisen in neue Welten aufgefordert, ob nun physisch oder auf geistiger Ebene… und mehr noch war es stets eine Herausforderung, weil dabei Aufgaben zu erfüllen waren, die man “unter normalen Umständen” nie annehmen würde und von denen auch in keiner Weise klar war, ob sie ausführbar sind und wohin sie führen würden. Abgesehen von den verschiedenen Gefahren, die immer wieder Bestandteil eines solchen Abenteuers sind.

Im Grunde genommen ist das jedoch wie mit dem Leben selber, von dem wir nur manchmal erahnen, wohin es uns führt… während die Ziele wechseln, der Ausblick sich oft vernebelt und der Endpunkt im körperlichen Dasein stets offen bleibt, überhaupt in einer Welt, die in keiner Weise frei ist, sondern von ganz bestimmten Kräften seit langem schon ganz bewusst gelenkt und von der Wahrheit fern gehalten wird.

Es gibt da jedoch etwas in uns, das wie ein Feuer brennt, welches manchmal lodert, dann wieder ruhig dahin flackert und hin und wieder auch wie erloschen erscheint. Sobald sich jedoch unser Geist mit diesem Feuer verbündet, gibt es diese “normalen Umstände” in keiner Weise mehr. Vielmehr folgt dann alles einer ganz “anderen Logik”. Diese Logik ist frei von dem, was sie denken darf oder nicht und sie holt sich ihre Einsichten mitunter aus Quellen, die von unserer heutigen Welt der Wissenschaft irritiert abgelehnt und geächtet werden. Träume haben dabei dieselbe Wichtigkeit, wie intuitive Einsichten und Schlussfolgerungen, genauso wie der plötzliche Einblick in Welten und Wirklichkeiten, die es “normalerweise nicht geben kann”.

Das in uns brennende Feuer verbindet die Dinge und hilft auf diese Weise, eine neue Wirklichkeit entstehen zu lassen – sei es im eigenen Leben oder weit darüber hinaus. Dieser Geist “weht” deshalb “wo er will”. Und er hat eine unendliche Kraft und Reichweite, weil er aus dem schöpferischen Feuer genährt wird, das alles Lebendige durchzieht, selbst dann noch, wenn es durch unnatürliche oder vorsätzliche Übergriffe klein gehalten wird. Ganz im Gegensatz zum Verstand, wenn er sich von dieser Kraft abgekoppelt hat. Da neigt er dann zu Überheblichkeit und zu komplizierter Gehirn-Akrobatik. Und weil er weiss, dass er kaum jemals das einhalten kann, was er verspricht, verursacht er Angst und immer wieder nur Angst und eine ganze Menge an Kurzschlüssen.

Aufträge der oben genannten Art kommen deshalb auch nur zu denjenigen, die längere Zeit schon diese einseitige Ebene verlassen haben, um in ein umfassenderes Dasein einzutreten. Dieser Schritt kostet sie freilich alles, denn ab dann werden sie in der bisherigen Welt wie Fremde sein. Es wäre jedoch generell die Aufgabe der Menschen, dass sie stets ihr Bewusstsein erweitern und dass sie lernen und immer wieder lernen… wie sie jene Welt, die sich ihnen momentan präsentiert, tagtäglich erweitern und überschreiten können.

Meistens kommen Aufträge, die in einer solchen erweiterten Welt zu lösen oder auszuführen sind, ganz leise: durch Träume etwa oder durch bestimmte Hinweise. Und sie haben immer das Potential, lebensverändernd zu sein, von einem Moment auf den anderen. Ein wichtiges Merkmal dabei ist immer, dass man “mit Bestimmtheit” weiss, wie man darauf antworten soll. Man könnte ablehnen. Das aber nur im Wissen, dass man damit eine grosse Chance vergibt – die Chance nämlich zu lernen, indem man neue Welten betritt sowie die Möglichkeit, dabei das eigene Vertrauen und die eigene Meisterkraft unter Beweis zu stellen. Wobei es freilich in keiner Weise darum geht, sich selber etwas beweisen zu müssen. Vielmehr ist es wie mit den Muskeln, die ein stetes Training brauchen, damit sie kraftvoll und dynamisch bleiben.

Ist die Bereitschaft signalisiert, einen solchen Auftrag umzusetzen, dann geht es um Pläne und erste Schritte. Wichtig ist dabei, dass alles vom Feuer getragen wird, das im Inneren brennt. Man “weiss” dann, was zu tun ist, obwohl man es eigentlich nicht wissen kann und man macht dann alle Schritte in schlafwandlerischer Sicherheit… und wundert sich anschliessend vielleicht, wie denn das alles möglich gewesen ist.

Copyright: Magda Wimmer – Das Feuer hüten

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