Weihnachtskalender 2021-7

Kapitel 3: Ozeane

 

Das Schiff kam mit grosser Verspätung an und so verbrachte ich einige Stunden am Industriehafen, auf dem es einige Vorgänge ganz eigener Art zu beobachten gab. Die Menschen, die hier aus- und eingingen, unterschieden sich sehr stark vom “normalen Volk”, wie man es anderswo traf. Hier wurden Dinge “über den Tisch gereicht”, die augenscheinlich einer geheimnis-umwitterten Sphäre angehörten, über die man aber nicht sprach, sondern die man einfach abwickelte. Seerecht ist eine eigene Art von Recht und es herrschte in diesem Treiben eine interessante Art von Anspannung. Die Beamten aber waren freundlich und zuvorkommend.

Als dann um fünfzehn Uhr an diesem Samstag, dem 23.November, die Cassiopeia einlief, war das keine Kleinigkeit. Und der dienst-habende Sicherheitsbeamte war so nett, mich dieses Ereignis gleich auf seinem Monitor mitschauen zu lassen. Ein wenig später schon wurde ich aus dem Office hinaus-begleitet und mit einem Betriebsfahrzeug zum Schiff gebracht. Nachdem mein Gepäck in einen Korb verladen und nach oben gezogen wurde, bestieg ich die schmale lange Leiter, die seitlich am Schiffsbauch nach oben ging. Nach und nach versank der Boden unter mir… und es war ein spezieller Augenblick, als ich dann in schwindelnden Höhen das Schiff betrat.

09Sogleich bekam ich eine erste Führung durch Küche und Essräume im unteren Bereich, durch die kleinen Sportanlagen und das Schwimmbad weiter oben… und dann hinauf über die Kommandobrücke schliesslich zur siebten Etage, zu meinem Wohnbereich. Es sollte sich herausstellen, dass dieses gesamte Stockwerk für die ganze Fahrt mir alleine zur Verfügung stehen würde.

Vierundzwanzig Stunden lang wurde das Schiff dann beladen, während ich mich mit meiner Kabine vertraut gemacht und mich darin eingerichtet habe. Die Nacht war durch den Hafenlärm einigermassen unterbrochen und erst am nächsten Nachmittag ging es dann wirklich los. Mit einem kleinen Schiff der Hafenpolizei wurden wir langsam aus Southampton hinaus-eskortiert. Hafen und Stadt glitten an uns vorbei und über die lange Bucht ging es schliesslich hinaus in den Ärmelkanal. Es war bereits Abend geworden, als das Schiff Richtung nahm – und zwar Richtung Norden, denn es sollte noch einmal zurück gehen nach Belgien, in die Hafenstadt Zeebrugge.

Dort würde noch ein Teil der Mannschaft ausgetauscht werden, inklusive dem Captain. Warum man das so handhabt, habe ich allerdings nie erfahren. Als wir dort ankamen, war es bereits früher Morgen. Überraschenderweise fragte mich der Captain beim Verabschieden, ob ich an Land gehen wolle. So kam es, dass ich ein paar Stunden im malerischen Städtchen Brugge verbrachte und mich unerwarteter Weise noch mit Dingen versorgen konnte, die ich in meinem Gepäck zuvor nicht mehr unterbringen konnte, die aber recht nützlich sein würden. Und in den vergangen vierundzwanzig Stunden war mir bereits reichlich klar geworden, was es gab und was es nicht gab, so etwa Schwarzbrot, Saft, Kaffee, Joghurt… Das war jedenfalls kein Teil der Seemannsverpflegung.

Auch hier im Hafen wurde das Schiff noch einmal stundenlang beladen und entladen. Der Hafen selbst war, wie alle anderen Frachthäfen, voll mit Containern und sehr betriebsam, ansonsten aber nichts-sagend. Doch es gab einen fernen Blick hinauf zur Nordsee, der einladend war. Ich verbrachte deshalb eine ganze Weile an der Reling, um Abschied zu nehmen vom Festland, von Europa und vom Norden… Am Abend war es dann soweit, und wir legten ab. Draussen war es inzwischen finster geworden. Das Schiff hatte jetzt einen neuen Captain, ein paar neue Offiziere, einen neuen Kadetten und noch einmal hunderte Container mehr.

Der Mannschaftswechsel stellte sich als sehr gut heraus, denn es kamen neue Offiziere dazu, die sehr interessiert und engagiert wirkten. Vor allem aber war der neue Captain – wie sich bald schon herausstellte – ein Geschenk. Er übernahm hier ein Schiff, das nicht seines war, was ihn ausserhalb der Routine stellte. Anders, als der vorherige, war er auch viel warmherziger und er betrachtete seine Mannschaft als Familie.

Im Gegensatz zu den meisten in dieser Mannschaft, sprach er auch sehr gut Englisch und so konnten wir uns über vieles immer wieder ausführlich unterhalten. Ich bekam von ihm die Vorgabe, täglich zumindest einmal oben auf der Kommandobrücke zu erscheinen… und er gab mir gleich eine umfassende Beschreibung der Route für die nächsten Stunden. Für mich war es natürlich sehr spannend zu erleben, was hier über die Monitore lief, welche Befehle gegeben wurden und was ständig zu beachten war, um ein solches Riesenschiff navigieren zu können.

Die Dinge begannen, was mich betraf, gleich vom Anfang an auf zwei oder mehreren Ebenen zu laufen. Es war da die eine Realität… und eine andere war direkt damit verbunden und manchmal waren es gleich mehrere. Auch dieser Mannschaftswechsel war sehr symbolisch, weil er aufzeigte, dass die bisherige (Führungs-) Mannschaft auf der Erde ausgetauscht werden würde, denn ihre Zeit war nun nahezu abgelaufen.

Schon das Betreten dieses Schiffes war für mich etwas besonderes, obwohl eine ölverschmierte Leiter entlang eines öligen, schwarzen Schiffbauches so wenig einladend erscheinen mag, genauso wie sein gesamtes “Inneres”. Schwere Container, schwerer Stahlaufbau, funktionale und seemännische Arbeitsbereiche und ebensolche Wohnbereiche. All das ist kaum etwas, wovon man freiwillig mehrere Wochen lang umgeben sein möchte. Doch war da etwas anderes – ein Gefühl von Rückkehr in einen bestimmten Bereich, das lange verloren gewesen war. Und auf eine bestimmte Weise übernahm ich nun die Führung. Die alltäglichen Abläufe blieben dabei, was sie immer sind und die siebenundzwanzig-köpfige Mannschaft tat professionell ihre Arbeit, vergnügte sich in der Freizeit oder hing einfach dem nach, was sie bewegte.

Am Abend des 25.November haben wir dann endgültig Kurs genommen auf unser fernes Reise-Ziel… und in den nächsten Tagen sollte es der französischen, spanischen und portugisischen Küste entlang gehen, die jedoch (fast) immer ausser Sichtweite war. Mit einer Geschwindigkeit von 25-40 KMh waren wir unterwegs und mit einer grossen Schwere, wodurch auch bei stärkerem Wellengang keine aussergewöhnlichen Schaukelbewegungen ausgelöst wurden. Während der ersten Tage blieb es mehr bei einem ständigen Hin-und-Her- als auch einem Auf-und-Ab-Wiegen. Grössere Stürme gab es im Atlantik keine.

Die Container auf dem Schiff aber, von denen wir nunmehr mit etwa zehntausend beladen waren, führten eine Art Eigenleben. Das muss man ihnen freilich zugestehen, denn schliesslich waren sie der Haupt-Passagier auf diesem Gefährt. Steht man an der Reling draussen, hört man sie donnern, brummen, tosen, schlagen, quietschen… und es dürfte einen grossen Aufwand benötigen, sie im Gleichgewicht zu halten, denn viele von ihnen beinhalteten gefrorene und andere sensible Waren. Es musste deshalb ständig überprüft werden, ob die Temperatur passt… und die Ware noch in Ordnung ist. Einige Male gab es Ausfälle und dann mussten die kostbaren Inhalte dieser Container ins Meer geschüttet werden.

Mit der Mannschaft verstand ich mich soweit gut, wobei die Kommunikation mit den meisten von ihnen aus sprachlichen Gründen auf ein Minumum beschränkt blieb und es dann oft nur Gesten und ein Lächeln im Gesicht gab. Die Offiziere am Schiff und der Captain waren Kroaten und Montenegriner und ich sass mit ihnen in einem kleinen Speisesaal, wobei ich abseits meinen eigenen Tisch hatte. Verstanden habe ich während des Essens so gut wie gar nichts. Nur manchmal klang etwas ein wenig wie Russisch.

Dann gab es noch zwei Chinesen an Bord. Der Rest der Mannschaft, inklusive Koch und Steward, kam von den Philippinen. Diese Gruppe war weitaus umgänglicher und nahbarer als die Führungsriege oben auf der Kommandobrücke und auch untereinander waren sie herzlicher und sie fühlten sich zusammengehörig. Als der Advent begann, dekorierten sie ihre Türen und auch sonstige Plätze am Schiff und sie begannen für ein bestimmtes Ereignis zu proben, von dem ich jedoch erst später erfahren sollte. Ansonsten gingen wir alle jeweils unserer eigenen Arbeit nach, ich der meinen und sie der ihren.

Endlich hatte ich nun auch Zeit, um mir noch einmal anzuschauen, was seit der Reise nach Canada im Sommer geschehen war und wie ich danach hinein geführt wurde in dieses Abenteuer. Als ich meine Notizen durchblätterte, fiel mir auf, dass bereits eine gewisse Vorahnung da war. Doch sie war mir zu jenem Zeitpunkt, als diese Botschaft dann kam, wie entschwunden. Ich vergesse solche Dinge oft wieder, bis sie dann eintreten.

Da war zum Beispiel am neunten September zu lesen: „Etwas Neues kommt auf mich zu!“. Zwischendurch stand da am fünfzehnten September „Wo werde ich wohl den letzen Band meiner Trilogie schreiben?“ oder am sechsundzwanzigsten September „Was wird mein Plan für den Winter sein?“. Der September war insgesamt eine überaus intensive Zeit, doch die nächsten beiden Monate sollten das noch einmal bei weitem überbieten.

Schliesslich gab es am zehnten Oktober noch folgende Notiz: „Die Dinge werden sich nun sehr rapide ändern. Es wird etwas Grosses kommen“. Eigenartig, am nächsten Tag kam dann diese Botschaft, und ich konnte mich nicht einmal mehr an die Ahnung vom Vortag erinnern. Sogar am Morgen war da noch das Gefühl, dass sich gerade etwas anbahnt… aber vielleicht war der Schock dann einfach zu heftig.

Wir waren inzwischen in das Mittelmeer eingefahren, nachdem wir mitten in der Nacht die Strasse von Gibraltar passiert hatten. Dort liegt ein mächtiges Tor, um das sich viele Mythen ranken, wie etwa die Geschichten von den „Säulen des Herakles“ oder über seine Heldentaten. Als Sohn von Zeus gehörte Herakles der Götterwelt an, doch mit einer Menschenmutter war er weder da noch dort wirklich beheimatet und anerkannt.

Den Weg in den Götterolymp musste er sich deshalb schwer erkämpfen – vor allem aus dem einfach Grund, weil Hera, die Gattin des Zeus, diesen Betrug rächte. Da sie gleichzeitig auch die Schwester des Zeus war, traf es ihren eigenen Neffen, was sie jedoch in keiner Weise davon abgehalten hat. Solche Umstände und Zustände galten als ganz normal in den Zeiten der gefallenen Götter, die sich mit Menschenfrauen einliessen und damit hier Dinge verbreiteten, welche vorher unvorstellbar waren. Da diese neuen Erdenbeherrscher sich alle Rechte nahmen, gab es immer wieder auch mächtigen Zank im Götter-Himmel.

Die Halbgöttersöhne hatten freilich auch eine ziemlich grosse Macht und solche wie Herakles schafften es schliesslich dann auch bis zum Götter-Himmel. Dafür musste er sich jedoch als Held beweisen und die eigentlich unlösbaren Aufgaben, die Hera ihm vorgab, souverän lösen. Sein Name deutet darauf hin, dass er durch Hera an sein Ziel gekommen ist. Die Ruhe auf Erden war damit allerdings dahin und die Menschen mussten schauen, wie sie sich vor den eingefallenen Riesen-Horden in Sicherheit bringen konnten, was ihnen einmal mehr und oft auch weniger gelang. Ständig mussten sie damit rechnen, dass bisher Gültiges plötzlich verändert und womöglich sogar in sein Gegenteil verkehrt wurde und dass das gewohnte Lebensgefüge jederzeit und mutwillig zerrissen werden konnte.

Wenn wir uns also Göttergeschichten wie die des Herakles anschauen, dann befinden wir uns bereits auf rutschigem Boden. Herakles, oder auch Herkules genannt, wird als Held dargestellt und den Menschen damit gezeigt, wie klein sie sind. In den Geschichten der Urvölker ist jeder ein Held, der sein Leben im Einklang mit den kosmischen Grundgesetzen gestaltet und meistert. Da gilt ein jeder auch als „eingeweiht“ in die Geheimnisse des Lebens und damit fähig, seine göttliche Kraft zu entfalten und auf welchen Ebenen auch immer sein Leben zu gestalten.

Bei Herakles finden wir jedoch bereits eine völlig andere Welt vor. Er muss sich an die Vorgaben der Götter halten, die mitunter sehr willkürlich sind. Und Grenzen darf er nur überschreiten, wenn sein Vater, der oberste Gott, die totale Kontrolle darüber behält… Dort aber, wo angeblich diese beiden Säulen stehen, scheint ein absoluter Grenzbereich zu sein. Dort darf nur der eintreten oder übertreten, der eingeweiht ist. Jeder Freimaurer-Tempel kennt diese beide Säulen, und sie sind auch die „Träger“ der dazugehörigen okkulten Systeme wie etwa der Kabbalah, dem gegenwärtigen magie-gesteuerten Geldsystem (wenn man die beiden Balken auf Dollar, Euro, Yen… bedenkt), usw.

„Bis hierher und nicht weiter!“ heisst es schon in altgriechischen Texten in Verbindung mit Herakles und dem Punkt am Ende des Mittelmeeres, von dem aus es dann hinausging in die unendliche Weite des Atlantik oder besser gesagt: von Atlantis. Eintreten in diese Welt darf bis heute nur, wer eingeweiht ist. Und deshalb sind diese Art von Mythen auch mächtige Torwächter, die so erzählt sind, dass sie den Zugang zur Wahrheit verschlossen halten. Symbolik, Szenerie und Namen sind nur denen Hinweise, die in die alten Geheimnisse eingeweiht sind. Ist man es nicht, dann endet eben „die Welt“ an der Oberfläche, also im geschützten Mittelmeer – in der Mittelwelt der sichtbaren Materie… während Atlantis, das alte Grossreich hier, für die Menschheit in mythischen Nebeln verschwunden bleibt.

26Was wird uns mit solchen Geschichten vermittelt? Und was wird uns verschwiegen? Und was machen solche Geschichten mit uns? Einerseits vermitteln sie uns ein Bild davon, wer die Macht hat und was von uns deshalb erwartet wird und andererseits versuchen sie uns in einem fort davon zu überzeugen, dass Korruption die normale Wirklichkeit ist, dass die Götter all das dürfen, was den Menschen verboten ist, kurz: dass Lüge Wahrheit ist und Finsternis Licht.

Während die Mythen der verschiedenen Urvölker der Erde Schicht für Schicht tiefer einführen in die Zusammenhänge des Lebens, allgemein und für jeden verständlich… lenken diese Art von Sagen (etwa die griechischen und die römischen) von der Sache ab und führen zu immer verstrickteren sowie oberflächlicheren Geschichten hin, die nur den Verstand adressieren. Alle anderen Ebenen des menschlichen Lebens lassen sie jedoch grossteils völlig unberührt. Das setzt sich in dem fort, was wir als klassische (aber auch moderne) Kultur kennen und die oft nichts anderes ist, als die ewig-gleiche Wiedergabe der alten „Götter-Seifenopern“. Das wiederum ist Teil einer grösseren, vor den Menschen jedoch geheim-gehaltenen Agenda.

Die Mythen der alten Völker sind selbstredend und sie entfalten sich auf organische Weise im Verständnis eines jeden Einzelnen. Diese Götter-Dramen aber ziehen ständig einen ganzen Schwanz von Interpretationen hinterher. Unmengen von Leuten werden damit beschäftigt, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Was ihnen freilich nie gelingen kann, weil sie die Wahrheit entweder selber nicht kennen oder weil sie darüber nichts sagen dürfen – womit das Wesentliche dann stets im Dunkeln verbleibt.

Lebensmythen jedoch, wie sie verschiedene, von uns als primitiv bezeichnete Völker kennen, brauchen keine Auslegung. Sie sprechen alle an und helfen jedem auf seine je eigene Weise, den Faden des Lebens aufzunehmen und ihn weiter zu führen. Offen bleibende Fragen sind dabei ganz wichtig, weil sie den Menschen die Möglichkeit geben, ein bestimmtes Thema den eigenen Bedürfnissen anzupassen und sodann selber in eine grössere Tiefe vorzudringen, wenn die Reife dafür vorhanden ist. Das wiederum befähigt sie, auf eigene Weise schöpferisch tätig zu werden.

Was Cassiopeia betrifft, so handelt es sich auch auch da um eine sehr doppelbödige Geschichte. Vieles davon sollte mir erst im Laufe der kommenden Jahre klarer werden. Momentan stand nur fest, dass ich eine sogenannte „Herkules-Aufgabe“ vor mir hatte, für die jegliches Vorherplanen unmöglich war. Nichts war dabei fix und alles konnte sich von einem Augenblick auf den nächsten völlig verändern. Nur der grosse Rahmen war abgesteckt: Die Reise auf dem Schiff Cassiopeia von England nach Malaysia.

Der Hauptgrund für die Schiffsreise zeigte sich vom Anfang an auf eine ganz bestimmte Weise. Es sei notwendig, dass ich mich in Erdnähe, also auf dem Landweg und am Meer bewege, hiess es zunächst. Und es ginge dabei in jene Richtung, die mir am wenigsten bekannt war auf diesem Planeten. Das war ähnlich, wie damals im Jahr 2011, als ich durch Russland, die Mongolei und China fuhr. Dieses Mal ging die Route um einiges südlicher – vor allem aber war es eine Fahrt durch das Mittelmeer und das, was wir hier den „Nahen Osten“ nennen. Erst später sollte es dann weiter gehen in die eher bekanntere anglo-amerikanische Welt. Dort aber war es wichtig, dass ich mich so weit wie möglich in die Nähe des Südpols begab.

Ich befand mich nun auf einer wahrhaft atlantischen Route… und war dabei aufgefordert, dem „Gesang der Wale“ zu lauschen und ihm zu folgen. Erst später erinnerte ich mich wieder daran, dass das der Titel meine Trilogie war, die mit den beiden “Drachenbüchern” inzwischen auf vier Bände angewachsen war, aber immer noch unvollendet erschien.

Doch was bedeutete all das? Noch immer war mir unbegreiflich, welche Wendung die Dinge genommen hatten und in welche Richtung es gehen sollte… Im Vordergrund war da aber stets noch die Frage, warum ich ausgerechnet auf einem Schiff unterwegs war, das den Namen “Cassiopeia” trug.

Von Cassipeia wird erzählt, dass sie eine Königin war – die Frau des äthiopischen Königs Cepheus. Zusammen hatten sie eine Tochter, die Andromeda hiess und auf die sie sehr stolz waren. Eines Tages prahlte Cassiopeia damit, dass ihre Tochter schöner sei als die Töchter des Meeresgottes Nereus. Das war dann der Beginn einer Katastrophe, denn die Nereiden wurden zornig auf Cassiopeia.

Sie beklagten sich bei Poseidon (Neptun), dem Gott der Meere, der aus Rache ein feuriges See-Ungeheuer losschickte, um das Land des Königspaares zu vernichten. Cepheus war besorgt und er befragte das Orakel, was er tun könne, um das grausame Tier abzuschütteln. Es teilte ihm mit, dass er dafür seine Tochter Andromeda dem Ungeheuer opfern müsse. Sodann wurde Cassiopeia als Strafe verkehrt an den Himmel gehängt und zwar kopfüber in einem Stuhl sitzend. Es gibt davon aber auch ausführlichere und zum Teil abweichende Versionen, wie zum Beispiel diese:

Kassiopeia war eine sehr schöne Frau und sich dieser Tatsache zu ihrem Leidwesen auch sehr bewußt. Sie prahlte vor den Meernymphen damit, dass sie noch schöner sei als alle Töchter des Nereus. Solchermaßen beleidigt wandten sich die Nymphen an ihren Freund, den Meeresgott, und ließen ihn nicht nur eine große Flut über das Land bringen, sondern auch ein alles verschlingendes Meeresmonster auftauchen.

Ein Orakelspruch versprach nur dann die Befreiung von diesen Plagen, wenn die Tochter des Königs, die schöne Andromeda, an einen Felsen gebunden und dem Monster zum Fraß vorgeworfen würde. In ihrer Not stimmten die königlichen Eltern diesem Handel zu und banden ihre Tochter an die steile Küste.

Perseus hilft der geretteten Andromeda von dem Felsen. Andromeda wurde nicht gefressen – der Held Perseus, der eben die schlangenhaarige Gorgone getötet hatte, kam gerade rechtzeitig vorbei, verlangte von den Eltern als Preis für die Rettung Andromedas die Hand der lieblichen Gefangenen und bekam gleich noch das Königreich als Mitgift angeboten.

Perseus erschlug das Meeresmonster in einem dramatischen Kampf, rettete Andromeda und heiratete sie.  Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten mit dem ehemaligen Freier der Prinzessin – ihrem Onkel Phineus, der sie in ihrer tödlichen Gefahr verlassen hatte – und die Perseus mit der versteinernden Wirkung des toten Gorgonenhauptes löste, lebten die beiden sehr glücklich miteinander.

Kassiopeia aber wurde für ihre Anmaßung und das Unglück, das sie damit fast über ihre Familie gebracht hatte, zur Strafe “verkehrt herum” an den Himmel gesetzt. Auch das Meeresmonster findet sich in Form des Sternbildes Walfisch dort wieder, ebenfalls sein Bezwinger Perseus mit Schwert und Gorgonenhaupt und seine Geliebte Andromeda.

Bleibt noch zu erwähnen, dass auch König Cepheus sein eigenes Sternbild  bekommen hat und zwar direkt neben Cassiopeia. Oder war es eher umgekehrt? Sind vielleicht die Sternenvölker, die sich dort überall befinden, für ganz bestimmte Qualitäten und Entwicklungen bekannt gewesen und darüber wurden verschiedene Geschichten erzählt? … Unsere gesamte Galaxie war allerdings zu bestimmten Zeiten mit einem sehr invasiven Geschehen konfrontiert. Dabei ist vieles durcheinander geraten, die Geschichten wurden verändert und den neuen Herrschern angepasst, sodass heute vor allem auf dem Planeten Erde niemand mehr weiss, was wirklich geschehen ist.

Während der gesamten Fahrt durch das Mittelmeer bis weit hinein ins Rote Meer erschien es mir jedenfalls, als sei die Wahrheit über Cassiopeia wie eingepanzert und vergleichbar mit meiner Situation auf diesem riesigen Stahlgefährt, das vollgefüllt mit tausenden Containern durch die Meere tuckerte.

Copyright: Magda Wimmer – Das Feuer hüten

 

 

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